
Menschen hinter der Geschichte
Der Contergan-Skandal
Heute sind Contergan-betroffene Menschen im Seniorenalter. Sie wurden Ende der 1950er bis Anfang der 1960er Jahre geboren, unter anderem mit verkürzten Armen und Beinen oder anderen Fehlbildungen. Ursache war die fruchtschädigende Wirkung des Arzneimittels „Contergan“ mit dem Wirkstoff Thalidomid. Weltweit gab es Schätzungen zufolge rund 10.000 sogenannte „Contergan-Kinder“, von denen etwa die Hälfte bei oder kurz nach der Geburt verstarb.1 Contergan war ein von Grünenthal entwickeltes, beliebtes Schlaf- und Beruhigungsmittel. Weltweit war es unter verschiedenen Namen in über 40 Ländern erhältlich. Contergan wurde auch von schwangeren Frauen gegen morgendliche Übelkeit eingenommen, nachdem Ärzte eine positive Wirkung beobachtet hatten. Daher war die fruchtschädigende Wirkung des Arzneimittels besonders verhängnisvoll. Der deutsche Kinderarzt Widukind Lenz war Ende 1961 der erste, der den Zusammenhang zwischen Fehlbildungen und Conterganeinnahme während der Schwangerschaft herstellte. 12 Tage nach dem ersten Hinweis durch Lenz nahm Grünenthal das Präparat vom Markt.
Contergan war eines der beliebtesten Schlafmittel seiner Zeit
Contergan war ein Schlaf- und Beruhigungsmittel mit dem Wirkstoff Thalidomid, entwickelt von Grünenthal. Es wurde ab 1957 in Deutschland und vielen anderen Ländern der Welt vertrieben und entwickelte sich schnell zu einem der beliebtesten Schlafmittel seiner Zeit: In Deutschland wurden zwischen 1957 und 1961 rund 300 Millionen Tagesdosen verkauft; etwa fünf Millionen Menschen nahmen das Präparat ein. Weltweit waren thalidomidhaltige Arzneimittel in über 40 Ländern erhältlich.
Die Grünenthal-Wissenschaftler Dr. Wilhelm Kunz und Dr. Herbert Keller synthetisierten Thalidomid, den Wirkstoff Contergans, erstmals im März 1954 – eher zufällig als Nebenprodukt ihrer Forschung an Glutaminsäure.
Die Forschungsabteilung bei Grünenthal fand seinerzeit heraus, dass die Einnahme von Thalidomid müde machte und beruhigte. Sie beobachtete außerdem, dass sich im Tierversuch keine tödliche Dosis ermitteln ließ – ein entscheidender Unterschied zu den damals gängigen Schlafmitteln, u.a. den Barbituraten, die bei Überdosierung für den Menschen lebensgefährlich waren. Thalidomid galt deshalb als vielversprechende Entdeckung. Im Mai 1954 meldete Grünenthal ein Patent für Thalidomid an.2
Im August 1956 erteilte das Innenministerium Nordrhein-Westfalens die Genehmigung zur Herstellung von Contergan (25 mg) und Contergan Forte (100 mg).3 Ab dem 1. Oktober 1957 war das Medikament bundesweit erhältlich – zunächst als Tablette, später auch als Zäpfchen und als Sirup.
Internationale Herstellung und Vertrieb
Thalidomid wurde in vielen Ländern hergestellt und international vertrieben. Grünenthal vermarktete das Präparat teils selbst, teils über Drittvertriebshändler und unabhängige Lizenznehmer. In Australien und Großbritannien beispielsweise produzierten und vermarkteten unabhängige Unternehmen eigene Thalidomid-haltige Produkte auf Basis einer vertraglichen Lizenz von Grünenthal. In einigen Ländern brachten Firmen zudem Nachahmerpräparate auf den Markt – ohne Genehmigung oder Beteiligung von Grünenthal.
Einnahme durch schwangere Frauen
Auch schwangere Frauen nahmen Thalidomid gegen morgendliche Übelkeit ein, da Ärztinnen und Ärzte hier eine positive Wirkung beobachteten. Grünenthal selbst sprach jedoch keine Empfehlung für den Einsatz bei Schwangerschaftsübelkeit aus und warb auch nicht für diese Anwendung.
Entdeckung der fruchtschädigenden Wirkung und Marktrücknahme
Ende der 1950er-Jahre stellten einige Ärztinnen und Ärzte fest, dass in Deutschland ungewöhnlich viele Kinder mit schweren Fehlbildungen geboren wurden. Die Ursache war jedoch zunächst unklar. So vermutete zum Beispiel der Bayreuther Kinderarzt Karl Beck in einem Zeitungsartikel von Mai 1958, Atomtests könnten für die Behinderungen verantwortlich sein.4
Die Entdeckung der fruchtschädigenden (teratogenen) Wirkung von Thalidomid ist untrennbar mit zwei Ärzten verbunden: Widukind Lenz in Hamburg und William McBride in Sydney, Australien. In ihren Kliniken häuften sich Anfang der 1960er Jahre Fälle schwerer Fehlbildungen bei Neugeborenen. Beide Ärzte gingen der Ursache nach – und kamen unabhängig voneinander zu dem Verdacht, dass Thalidomid (Contergan) die Ursache sein könnte.
Die Ereignisse überschlugen sich:
|
15. November 1961: |
Lenz informiert Grünenthal über seinen Verdacht. |
|
20. November 1961: |
Mitarbeiter von Grünenthal reisen nach Hamburg, um mit Lenz und den lokalen Gesundheitsbehörden persönlich zu sprechen. |
|
24. November 1961: |
Grünenthal erhält ein Schreiben seines Lizenzpartners Distillers, in dem sie das Unternehmen über den von McBride in Australien geäußerten Verdacht informierten. |
|
26. November 1961: |
Das Unternehmen informiert die zuständige Behörde über den Entschluss zur Marktrücknahme. |
|
27. November 1961: |
Grünenthal nimmt Contergan vom Markt und informiert auch seine internationalen Vertriebspartner und Lizenznehmer über diese Entscheidung. |
Zwischen dem ersten Hinweis und der Marktrücknahme lagen zwölf Tage. Aus Sicht des Gerichts war dies damals „schon eine verhältnismäßig kurze“ Reaktionszeit.5
Wie Contergan das Leben vieler Menschen und Familien dauerhaft prägt
Contergan führte zu schweren Fehlbildungen bei neugeborenen Kindern, wenn die Einnahme zwischen dem 34. und dem 50. Tag der Schwangerschaft erfolgte – gerechnet ab dem ersten Tag der letzten Regelblutung. Die sogenannten „Contergan-Kinder“ kamen mit verkürzten Armen und Beinen, unterentwickelten Ohrmuscheln, Schädigungen an inneren Organen und weiteren Fehlbildungen zur Welt.
Schätzungen zufolge wurden weltweit rund 10.000 Kinder geboren, von denen etwa die Hälfte bei oder kurz nach der Geburt verstarb. In Deutschland leben heute noch mehr als 2.000 Betroffene.
Mehr Details zu Wirkung, Wirkweise und Nebenwirkungen von Thalidomid
Die Betroffenen der Contergan-Tragödie, die in den 1960er Jahren als „Contergan-Kinder“ bekannt wurden, sind inzwischen im Seniorenalter. Aufgrund ihrer Schädigungen müssen sie ihr Leben lang mit zum Teil schwersten Behinderungen leben. Im Alter sehen sich viele von ihnen zudem mit zunehmenden Problemen konfrontiert, die ihre Gesundheit und Beweglichkeit zusätzlich einschränken.
Heute erhalten staatlich anerkannte Betroffene lebenslange finanzielle Unterstützung durch die staatliche deutsche Conterganstiftung. Darüber hinaus unterstützt die Grünenthal-Stiftung zur Unterstützung von Thalidomidbetroffenen Wohnraumumbauten und fördert die persönliche Mobilität der Betroffenen. Denn individuelle Mobilität und ein barrierefreies Zuhause gehören zu den wichtigsten Faktoren für mehr Teilhabe am täglichen Leben.
