Häufig gestellte Fragen und Antworten (FAQ)
Der Contergan-Skandal
Was ist Thalidomid? Was ist Contergan?
Thalidomid ist der Wirkstoff eines Schlaf- und Beruhigungsmittels, das zwischen Oktober 1957 und November 1961 von Grünenthal und seinen Lizenz- und Vertriebspartnern verkauft wurde. In Deutschland wurde es unter dem Markennamen Contergan, in anderen Märkten unter anderen Namen wie „Distaval“ oder „Softenon“ vermarktet.
Was war der Contergan-Skandal?
Contergan war ein Schlaf- und Beruhigungsmittel, das zwischen 1957 und 1961 in Deutschland verkauft wurde. Das Medikament wurde von Frauen auch gegen die vor allem morgendlich auftretende Schwangerschaftsübelkeit genommen, weil Ärzte hier eine positive Wirkung feststellten. Grünenthal selbst warb jedoch nicht dafür, das Medikament auch bei Morgenübelkeit einzunehmen. Wie im November 1961 bekannt wurde, rief das Mittel schwere Fehlbildungen bei neugeborenen Kindern hervor, wenn die Einnahme zwischen dem 34. und dem 50. Tag der Schwangerschaft, gerechnet vom ersten Tag der letzten Regelblutung, erfolgte. Das Schicksal der sogenannten „Contergan-Kinder“ und der nachfolgende Gerichtsprozess in Deutschland werden bis heute auch als „Contergan-Skandal“ bezeichnet.
Unter welchen Namen wurde Thalidomid vertrieben?
In Deutschland wurde Thalidomid von Grünenthal unter dem Markennamen „Contergan“ vertrieben. In anderen Ländern vermarkteten Lizenz- und Vertriebspartner Thalidomid-haltige Medikamente auch unter anderen Namen, wie „Distaval“ in Großbritannien oder „Softenon“ in Österreich und der Schweiz.
Wie verbreitet war die Einnahme von Contergan in Deutschland?
Contergan wurde Schätzungen zufolge von 5 Millionen Menschen in Deutschland eingenommen und entwickelte sich somit zu einem der meistverwendeten Schlaf- und Beruhigungsmittel. In Deutschland wurden 300 Millionen Tagesdosen verkauft.
Wurde Thalidomid auch in anderen Ländern verkauft?
Grünenthal-Distributionspartner und -Lizenznehmer vertrieben Thalidomid-haltige Medikamente weltweit in vielen Ländern. Die Produkte kamen mit unterschiedlichen Markennamen auf den Markt, etwa „Distaval“ und „Softenon“. Zudem vertrieben Unternehmen Medikamente mit dem Wirkstoff Thalidomid ohne Beteiligung oder Genehmigung von Grünenthal beispielsweise in Spanien, Italien oder Brasilien.
Wie wurde Thalidomid ursprünglich entwickelt?
Thalidomid wurde erstmals im März 1954 bei Grünenthal synthetisiert, als ein Nebenprodukt von Forschungen an Glutaminsäure.1 Die Suche nach einer möglichen medizinischen Anwendung begann erst anschließend, was damals ein übliches Vorgehen war.1
1 Originaldokumente (Laborbericht Dr. Keller, Laborbericht Dr. Kunz) sowie die unter Eid gemachten Zeugenaussagen der Grünenthal-Forscher Dr. Kunz und Dr. Keller im Contergan-Strafprozess (vgl. Dagmar und Karl-Heinz Wenzel (1968): „Bericht und Protokollauszüge vom 51.-100. Verhandlungstag“, in: Der Conterganprozess (II); Keller Seite 56ff, Kunz Seite 71ff) belegen das Jahr 1954. Auch das erste Patent wurde 1954 eingereicht.
Wie wurden Thalidomid und Contergan getestet?
Thalidomid wurde zunächst in Tierversuchen auf seine pharmakodynamischen Eigenschaften getestet. Neben der akuten Toxizität wurde auch die semichronische Toxizität geprüft. Es erwies sich als eine Substanz mit zentral dämpfender Wirkung und gleichzeitiger Ungiftigkeit.
Die klinischen Tests mit Thalidomid begannen im Frühjahr 1955. Ziel war es, die Wirksamkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit eines neuen Medikaments unter ärztlicher Aufsicht nachzuweisen.
Nach unseren Erkenntnissen entsprachen die Entwicklung und Einführung von Contergan dem damals gültigen Wissen und den geltenden Standards der pharmazeutischen Industrie. Diese Standards wurden erst in den Folgejahren – als Reaktion auf die Tragödie – deutlich angepasst.
Wurde Thalidomid an Kindern getestet?
Unseren Informationen zufolge wurden vor und nach der Markteinführung von Thalidomid Studien an Kindern durchgeführt. Unter anderem wurde Thalidomid Kindern im Lungensanatorium in Wülfrath-Aprath und im Maria-Grünewald-Sanatorium in Wittlich (Eifel) verabreicht. Leider waren solche Studien zu dieser Zeit durchaus üblich.
Wir bedauern zutiefst, dass wir als Unternehmen an diesen Arzneimittelstudien beteiligt waren. Die Methoden, mit denen in den 1950er und 1960er Jahren Arzneimittel an Kindern getestet wurden, sind aus heutiger Sicht unverständlich. Sie entsprechen nicht den heutigen strengen ethischen und rechtlichen Regeln für die Entwicklung und Prüfung von Arzneimitteln.
Als Hersteller hat sich Grünenthal an der Untersuchung über den Einsatz von Thalidomid im Sanatorium Maria Grünewald beteiligt und die Dokumentation im Jahr 2021 unterstützt.
Warum galt Contergan damals als sicherere Alternative zu bisherigen Schlafmitteln oder Beruhigungsmitteln?
In den damaligen Studien (Tierversuche und klinische Tests) zeigte sich, dass Thalidomid müde macht und beruhigt, ohne akute oder semichronische toxische Effekte zu haben. Zudem war es nicht möglich, Versuchstieren mit der Substanz eine tödliche Dosis zu verabreichen. Da alle anderen damals gängigen Schlafmittel, insbesondere Barbiturate, bei einer Überdosierung zum Tode führen konnten, galt Contergan als sichere Alternative.
Warum wurde die Wirkung auf ungeborene Kinder nicht untersucht?
In den 1950er-Jahren war es nicht üblich, einen Wirkstoff daraufhin zu überprüfen, ob er ungeborenes Leben schädigen kann. Das Wissen um die Sicherheit von Arzneimitteln war damals noch nicht so weit entwickelt wie heute. Die gesetzlichen Richtlinien und wissenschaftlichen Standards für Tests an trächtigen Tieren entstanden erst nach der Tragödie.
Wann wurde Contergan vom Markt genommen?
Am Montag, den 27. November 1961 nahm Grünenthal das Medikament vom Markt und informierte internationale Lizenz- und Vertriebspartner über diesen Schritt. Die zuständige Behörde wurde bereits am 26. November über diese Entscheidung informiert. Die Marktrücknahme erfolgte zwölf Tage nach den ersten Hinweisen des Arztes Widukind Lenz auf Contergan als mögliche Ursache für Fehlbildungen bei Neugeborenen.
Wie wurde die teratogene Wirkung von Thalidomid entdeckt?
Die Entdeckung der fruchtschädigenden Wirkung von Thalidomid ist untrennbar mit den Ärzten Widukind Lenz in Deutschland und William McBride in Australien verbunden. Beide hatten in ihren Kliniken eine auffällige Zunahme schwerer Fehlbildungen bei Neugeborenen beobachtet. Unabhängig voneinander vermuteten sie Mitte November 1961 die Einnahme von Thalidomid als mögliche Ursache.
Lenz informierte Grünenthal am 15. November telefonisch über seine Beobachtungen und erläuterte diese in den darauffolgenden Tagen in mehreren Gesprächen mit dem Unternehmen und Gesundheitsbehörden. McBride meldete seine Vermutung an die lokale australische Organisation des Lizenznehmers Distillers. Letztere informierten Grünenthal am 24. November 1961 darüber. Ihre Hinweise führten zur Marktrücknahme am 27. November 1961.
Wie viele Kinder wurden weltweit durch Thalidomid geschädigt?
Die staatliche deutsche Conterganstiftung schätzt, dass weltweit etwa 10.000 Kinder mit Fehlbildungen geboren wurden, die auf Thalidomid zurückzuführen sind, davon 5.000 in Deutschland.1 Etwa die Hälfte von ihnen verstarb bei oder kurz nach der Geburt. In Deutschland leben heute noch mehr als 2.000 Betroffene.
1 Conterganstiftung, abrufbar unter: https://www.contergan-infoportal.de/stiftung/historie/contergan-zeitstrahl/ dort bei Datum 27.11.1961
Wurde Thalidomid im Nationalsozialismus entwickelt?
Nein, Laborberichte und Zeugenaussagen unter Eid belegen, dass Thalidomid von Grünenthal erstmals im März 1954 als Nebenprodukt von Forschungen an Glutaminsäure synthetisiert wurde.1,2,3 Das erste Patent für Thalidomid wurde ebenfalls erst 1954 eingereicht.4 Wie eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen darlegt, sind Behauptungen, Thalidomid sei bereits im Nationalsozialismus entwickelt und in Konzentrationslagern getestet worden, wissenschaftlich nicht belegt.5
Woher kommen die Nazi-Spekulationen?
Wie in vielen anderen Firmen haben auch bei Grünenthal in der Nachkriegszeit Forschende und andere Personen gearbeitet, die zuvor auch Positionen in der NSDAP innehatten.
Einige Verschwörungstheoretiker leiten unter anderem davon ab, dass Thalidomid bereits während der Zeit des Nationalsozialismus von NS-Chemikern entwickelt und an KZ-Häftlingen als Gegenmittel für chemische Kampfstoffe getestet worden sei. Für diese Spekulationen gibt es keine belastbaren Belege.5 Wir gehen hier auf zwei immer wieder geäußerte Theorien etwas genauer ein:
- Es hält sich das Gerücht, dass Thalidomid bereits vor 1954 in der Zeit des Nazi-Regimes entwickelt wurde. Originaldokumente1,2 sowie die unter Eid gemachten Zeugenaussagen der Grünenthal-Forscher Dr. Kunz und Dr. Keller im Contergan-Strafprozess4 belegen jedoch, dass die beiden Wissenschaftler den Wirkstoff Thalidomid im Jahr 1954 im Grünenthal-Labor entwickelten. Das erste Patent wurde 1954 eingereicht.
- Ebenso wird immer wieder versucht, eine Verbindung zwischen der Entwicklung des Wirkstoffs Thalidomid und der Nazivergangenheit des späteren Beiratsmitglieds Dr. Otto Ambros herzustellen. Dr. Ambros war jedoch nie Angestellter der Firma Grünenthal. Er trat erst 1972 in den Beirat von Grünenthal ein, also elf Jahre nachdem Contergan vom Markt genommen wurde.
In einem 2016 erschienenen Forschungsbericht beschäftigte sich der Historiker Dr. Niklas Lenhard-Schramm mit einer möglichen Verbindung zwischen Thalidomid und dem Nazi-Regime sowie der Glaubwürdigkeit der aufgestellten Theorien. Er kam zu dem Schluss, dass es sich bei der Theorie, Thalidomid sei bereits vor dem Jahr 1954 entwickelt worden, um verschwörungstheoretische Behauptungen ohne belastbare Beweise handelt.5
1 Laborbericht Dr. Keller
2 Laborbericht Dr. Kunz
3 Dagmar und Karl-Heinz Wenzel (1968): „Bericht und Protokollauszüge vom 51.-100. Verhandlungstag“, in: Der Conterganprozess (II); Keller Seite 56ff, Kunz Seite 71ff.
4 Urkunde über die Erteilung des Patents
5 Niklas Lenhard-Schramm (2016): „Die Haltung des Landes Nordrhein-Westfalen zu Contergan und den Folgen“, Forschungsbericht der WWU Münster für das Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen, S. 26f.
Historische Aufarbeitung
Was war der „Contergan-Prozess“?
Der sogenannte Contergan-Prozess war ein Strafverfahren gegen neun leitende Mitarbeiter von Grünenthal. Es galt, die Frage zu klären, ob die Angeklagten – durch ihr Handeln oder Unterlassen – schuldhaft Nervenschäden bei Erwachsenen und Fehlbildungen an Kindern im Mutterleib verursacht hatten. Ob betroffenen Familien Entschädigungsansprüche zustanden, wäre in gesonderten Zivilverfahren zu klären gewesen.
Das Verfahren begann am 27. Mai 1968 in Alsdorf vor der Ersten Großen Strafkammer des Landgerichts Aachen und wurde zweieinhalb Jahre später, am 18. Dezember 1970, durch das Gericht eingestellt. Es erstreckte sich über insgesamt 283 Tage und galt lange als das aufwändigste Strafverfahren der deutschen Rechtsgeschichte.
Warum wurde der Contergan-Prozess eingestellt?
Der Strafprozess wurde im Dezember 1970 ohne Urteil eingestellt, weil das Gericht angenommen hat, dass die individuelle Schuld der Angeklagten im Falle einer Verurteilung als gering anzusehen wäre. Im 100-seitigen Einstellungsbeschluss führt das Gericht aus, dass eine Fortsetzung des Strafprozesses unverhältnismäßig sei und nannte zwei Gründe bezogen auf die Fehlbildungen:
- Selbst für den hypothetischen Fall, dass nach einem ordentlichen Abschluss des Prozesses ein Fehlverhalten der Angeklagten festgestellt werden könnte, wäre die individuelle Schuld der Angeklagten trotz der schweren Folgen voraussichtlich als gering zu bewerten. Dabei berücksichtigte das Gericht unter anderem, dass eine eindeutige Werbung für die Einnahme von Contergan während der Schwangerschaft nicht erfolgt war. Außerdem habe das Unternehmen seine Thalidomid-haltigen Präparate schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit aus dem Handel zurückgezogen, nachdem Widukind Lenz erstmals seinen Verdacht geäußert hatte.
- Zudem sei es nicht mehr notwendig, den Strafprozess aus übergeordneten Gründen (in der Strafprozessordnung als „öffentliches Interesse“ bezeichnet) fortzusetzen. Das Gericht verwies darauf, dass sich Grünenthal und die Anwälte der betroffenen Familien bereits im April 1970 auf einen Vergleich geeinigt hatten, mit dem sich Grünenthal zur Zahlung von 100 Millionen DM verpflichtet hatte.
Bezogen auf die Polyneuritis-Nebenwirkung sah es ein Fehlverhalten und begründete dies wie folgt: Es konnte nachgewiesen werden, dass die Einnahme von Thalidomid Nervenschäden (Polyneuritis) zur Folge haben konnte. Grünenthal habe im Hinblick auf diese Nervenschädigungen nicht den Anforderungen an einen ordentlichen und gewissenhaften Arzneimittelhersteller entsprochen.
Zusätzliche Erläuterung zu Schadensersatz
Strafverfahren in Deutschland regeln nicht die Schadensersatzpflicht. Etwaige Schadenersatzforderungen gegen das Unternehmen hätten die betroffenen Familien in gesonderten Zivilprozessen geltend machen müssen. Bis zu einer endgültigen Klärung wären weitere Jahre vergangen. Grünenthal einigte sich mit den Anwälten der betroffenen Familien bereits im April 1970 außergerichtlich: Im Vergleich sagte Grünenthal 100 Millionen DM zur Unterstützung der betroffenen Kinder zu.
Welche Unterstützungsleistung hat Grünenthal gezahlt?
Grünenthal brachte 110 Millionen DM (100 Millionen plus 10 Millionen Zinsen) zur Unterstützung der betroffenen Kinder in die heutige Conterganstiftung der Bundesrepublik Deutschland ein. Im April 1970 – also lange vor Ende des Strafverfahrens – hatte sich Grünenthal außergerichtlich mit den Anwälten der betroffenen Familien in einem Vergleich auf die Zahlung geeinigt. Der Bund zahlte weitere 100 Millionen DM in das Stiftungsvermögen ein. Die Ansprüche der Betroffenen aus dem Vergleich wurden damit durch lebenslange Unterstützungsleistungen durch die Bundesstiftung ersetzt.
2009 zahlte Grünenthal freiwillig weitere 50 Millionen Euro in die Conterganstiftung ein, die bis zur vollständigen Auszahlung für jährliche Sonderzahlungen an Betroffene genutzt wurden.
Zusätzlich bietet die Grünenthal-Stiftung zur Unterstützung von Thalidomidbetroffenen seit 2012 Sachleistungen für Wohnraumumbauten und persönliche Mobilität an. Diese Leistungen wurden bis heute in über 5.300 Fällen genutzt (Stand: Oktober 2025).
Gab es eine politische Einmischung in den „Contergan-Prozess“?
Nein, diese Behauptung ist falsch.
Ein 2016 veröffentlichter Forschungsbericht des Historikers Dr. Lenhard-Schramm im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen bestätigt, dass die Behauptungen rund um eine angebliche politische Einflussnahme auf falsch datierten Dokumenten und bewussten Falschdarstellungen beruhen.
- Die Entscheidung zur Einstellung wurde durch die mit fünf unabhängigen Richtern besetzte Große Strafkammer des Landgerichts Aachen getroffen und nicht von der Staatanwaltschaft. Damit ist auch die Behauptung hinfällig, dass damals die Landesregierung unlauter Einfluss auf die ihr untergeordnete Staatsanwaltschaft ausgeübt habe.
- Das Gericht hat seine Entscheidung zudem in einem öffentlichen Prozess getroffen, der damals sehr intensiv von der Öffentlichkeit und den Medien verfolgt wurde. Schließlich erläuterte das Gericht seine Entscheidung, das Verfahren einzustellen, in einer öffentlichen Gerichtsverhandlung und begründete diese in einem fast 100 Seiten umfassenden Beschluss.
Wie hat die Contergan-Tragödie unseren Umgang mit Medikamenten verändert?
Als Folge der Contergan-Tragödie wurden weltweit Gesetze erlassen, um die Zulassungskontrollen von Medikamenten zu verbessern. In Deutschland trat 1978 ein neues Arzneimittelgesetz in Kraft, das erstmals ein einheitliches und umfassendes Verfahren zur Medikamentenentwicklung und -kontrolle etablierte. Hersteller müssen seither in pharmakologischen und klinischen Versuchen nachweisen, dass ihre Medikamente qualitativ hochwertig, unbedenklich und wirksam sind.
In diesem Zusammenhang wurde 1975 auch eine Behörde gegründet, aus der das heutige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hervorging. Das BfArM überwacht heute unter anderem die Zulassung von Arzneimitteln.
Die Annäherung
Haben sich Grünenthal oder die Eigentümerfamilie bei den Betroffenen entschuldigt?
Der damalige Grünenthal CEO Harald Stock entschuldigte sich während der Enthüllung eines Contergan-Denkmals in Stolberg bei Aachen im August 2012 öffentlich für das lange Schweigen des Unternehmens.
Dr. Michael Wirtz, Gesellschafter von Grünenthal, entschuldigte sich gegenüber den Betroffenen und ihren Angehörigen im Namen seiner Familie. Dies geschah im November 2021 im Rahmen eines persönlichen Gesprächs mit dem damaligen Vorsitzenden des Bundesverbands Contergangeschädigter Georg Löwenhauser.
Was ist die Grünenthal-Stiftung zur Unterstützung von Thalidomidbetroffenen?
Die Grünenthal-Stiftung wurde 2012 gegründet, um die individuelle Lebenssituation der Thalidomid-betroffenen Menschen nachhaltig zu verbessern. Sie finanziert Sachleistungen wie Küchen-, Bad- und Fahrzeugumbauten oder persönliche Begleitung betroffener Menschen und setzt sich hierdurch dafür ein, dass betroffene Menschen ihr Leben so selbstbestimmt und erfüllt wie möglich gestalten können. Die Grünenthal-Stiftung konzentriert sich auf Unterstützung dort, wo sie den größten Unterschied machen kann: beim Wohnumfeld, bei Hilfen für den Alltag und bei der Mobilität außer Haus. Damit flankiert sie die monatliche Conterganrente der staatlichen, deutschen Conterganstiftung.
Mehr Informationen zu den Leistungen der Grünenthal-Stiftung
Was ist das Dialogforum?
Das Dialogforum wurde gemeinsam von der Grünenthal-Stiftung, Grünenthal und dem Bundesverband Contergangeschädigter e.V. 2023 ins Leben gerufen. Das Ziel: dem Dialog zwischen Betroffenen und der Grünenthal-Stiftung einen Rahmen zu geben, Unterstützungsangebote weiterzuentwickeln und langfristig gemeinsame Projekte zu realisieren, die die Lebensqualität der Betroffenen nachhaltig verbessern.
Unterstützung heute
Welche unterstützenden Leistungen bekommen Contergan-betroffene Menschen heute?
Für Menschen, die durch Thalidomid-haltige Produkte geschädigt wurden, existieren heute verschiedene Formen der Unterstützung. Sie unterscheiden sich von Land zu Land:
Vertrieb durch Grünenthal und Partner
In den Ländern, in denen Grünenthal oder seine damaligen Vertriebspartner Thalidomid-haltige Produkte verkauft haben, steht für die Betroffenen finanzielle Unterstützung durch die Conterganstiftung der Bundesrepublik Deutschland zur Verfügung. Die monatliche Conterganrente beträgt maximal 10.017 Euro im Monat (Stand: 2025) – abhängig von der Schwere der Behinderung. Dies gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für Betroffene in über 40 weiteren Ländern, darunter Belgien, Österreich, Chile und Brasilien (Stand: April 2023).
Vertrieb durch Lizenznehmer
In Ländern, in denen Lizenznehmer ihre eigenen Thalidomid-haltigen Produkte auf den Markt gebracht haben, leisten diese Unternehmen finanzielle Unterstützung, teilweise gemeinsam mit der betreffenden Regierung. Solche Regelungen existieren zum Beispiel in Großbritannien, Australien, Neuseeland und Schweden.
Nachahmerpräperate
In Ländern, in denen andere Unternehmen, die in keinerlei Verbindung zu Grünenthal standen, unabhängig Nachahmerpräparate auf den Markt gebracht haben, werden Betroffene in der Regel vom jeweiligen Staat unterstützt – zum Beispiel in Italien und teilweise in Spanien.
Was ist die Conterganstiftung?
Die Conterganstiftung wurde 1972 gegründet. Sie bietet finanzielle Leistungen wie monatliche Renten und eine jährliche Einmalzahlung aus dem sogenannten Fonds für spezifische Bedarfe, den die Bundesregierung zur Verfügung stellt. Als öffentlich-rechtliche Stiftung der Bundesrepublik Deutschland steht sie unter Aufsicht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und agiert unabhängig von Grünenthal. Bei der Errichtung zahlte Grünenthal 110 Millionen DM als Teil einer außergerichtlichen Einigung mit den betroffenen Familien in die Stiftung ein. 2009 folgten freiwillig weitere 50 Millionen Euro, um einen Beitrag zur Verbesserung der täglichen Lebenssituation von Thalidomid-betroffenen Menschen zu leisten.
Der Wirkstoff Thalidomid
Was ist die chemische Zusammensetzung von Thalidomid?
Thalidomid ist ein Derivat der Glutaminsäure. Es ist ein leicht wasserlöslicher, kristalliner Feststoff mit der Strukturformel C13H10N2O4.
Die chemische Verbindung Thalidomid ist chiral. Das bedeutet, dass sie in zwei Formen, den sogenannten Enantiomeren, vorliegen kann. Wie man später herausgefunden hat, ist nur eines dieser Enantiomere fruchtschädigend (teratogen) und ruft Fehlbildungen beim Embryo hervor.
Spätere Forschungen haben allerdings gezeigt, dass sich die beiden Formen (Enantiomere) im Körper innerhalb weniger Stunden ineinander umwandeln. Selbst wenn man nur die nicht-teratogene Form verabreicht, liegen im Körper innerhalb weniger Stunden wieder beide Formen vor. Mit anderen Worten: Durch die Gabe der zunächst nicht-teratogenen Form lässt sich die teratogene Wirkung von Thalidomid im Körper nicht verhindern.
Wie wirkt Thalidomid?
Als positive Eigenschaften von Thalidomid wurden damals seine beruhigende und schlafauslösende Wirkung identifiziert. Außerdem weiß man heute, dass es antientzündliche Eigenschaften hat und das Wachstum mancher Krebszellen hemmt.
Vereinfacht ausgedrückt scheint Thalidomid einen körpereigenen Botenstoff nachzuahmen, der die Informationsübertragung zwischen den Nervenzellen im Körper hemmt. Dadurch kommen weniger Signale im Gehirn an, was einen entspannenden und einschläfernden Effekt auf den Körper hat.1
Gleichzeitig beobachteten die Forscher, dass es nicht möglich war, Versuchstieren eine tödliche Dosis des Stoffs zu verabreichen. Da alle anderen damals gängigen Schlafmittel bei einer Überdosierung zum Tode führen konnten, galt Thalidomid als eine bedeutende Entdeckung.
Welche Nebenwirkungen hat Thalidomid?
Nachdem Thalidomid auf den Markt gebracht worden war, stellte sich heraus, dass der Stoff schwere Nebenwirkungen hervorrufen kann, darunter die als „Contergan-Schäden“ bekannten Fehlbildungen.
Teratogenität (Fehlbildungen bei ungeborenen Kindern)
Wird Thalidomid in der Schwangerschaft zwischen dem 34. und dem 50. Tag nach dem ersten Tag der letzten Regelblutung eingenommen, führt es zu den als Thalidomid-Schäden bekannten Fehlbildungen.
Zu den Thalidomid-Schäden gehören unter anderem:
- Verkürzung oder völliges Fehlen von Armen und Beinen
- Fehlbildungen an Händen und Füßen
- Fehlbildungen an Hüfte, Verdauungstrakt und Genitalien
- Fehlbildungen oder völliges Fehlen der Ohrmuscheln.
Polyneuritis (Nervenschäden)
Thalidomid kann bei den Anwendern des Arzneimittels Polyneuritis hervorrufen, eine entzündliche Erkrankung des Nervensystems. Zu den Symptomen gehören ein Taubheitsgefühl in den Finger- und Fußspitzen; zudem kann eine Polyneuritis sehr schmerzhaft sein. Bei länger andauernden Beschwerden führt Polyneuritis zu einer pathologisch nachweisbaren Veränderung des Nervengewebes.
Wirkmechanismus: Wie entstehen die Fehlbildungen durch Thalidomid (teratogene Wirkung)?
Nach dem aktuellen Wissensstand ruft Thalidomid die als „Contergan-Schäden“ bekannten Fehlbildungen hervor, weil es bestimmte Proteine verbindet, die im Körper des ungeborenen Kindes die Ausbildung der Extremitäten steuern. Diese Verbindung hat zur Folge, dass sich der Körper des Kindes nicht mehr vollständig entwickeln kann.
Wie erklärt die moderne Wissenschaft den Wirkmechanismus?
Jede Zelle des menschlichen Körpers enthält Proteine.1 Sie dienen als molekulare „Werkzeuge“ und können verschiedene Aktionen ausführen, wie zum Beispiel Gene an- oder ausschalten, Zellbewegungen ermöglichen oder Signalstoffe erkennen.
Bei der Wirkweise von Thalidomid spielen drei Arten von Proteinen eine Rolle2:
- Das Protein Cereblon kann andere Proteine anziehen, quasi wie ein Magnet.3 Diese Proteine werden anschließend von Cereblon „markiert“ und abgebaut, das heißt vernichtet.4
- Die Proteine Sall 4 und p63 sind sogenannte Transkriptionsfaktoren. Wie ein Schalter können sie Gene ein- und ausschalten. Im Körper des ungeborenen Kindes steuern Sall 4 und p63 das Wachstum und die Entwicklung der Extremitäten und bestimmter Organe.
Die Strukturen von Cereblon und Sall 4 bzw. p63 sind so verschieden, dass sie im Originalzustand nicht zueinander passen. Sie existieren nebeneinander. In diesem Zustand können Sall 4 und p63 das Wachstum der Extremitäten anregen und die Ausbildung von Organen steuern.
Wird Thalidomid während eines bestimmten Zeitraums der Schwangerschaft eingenommen, kann der Wirkstoff über den Stoffwechsel der Mutter in den Körper des Kindes gelangen. Dort angekommen, dockt Thalidomid zunächst an das Cereblon an. An dieser Stelle entsteht eine teilweise andere, neuartige Struktur, an die wiederum Sall 4 und p63 andocken können.
Sobald Sall 4 und p63 an den Cereblon-Thalidomid-Komplex angedockt sind, kann das Cereblon die beiden anderen Proteine markieren und dem Körper damit signalisieren, dass sie abgebaut werden sollen. Mit dem Wegfall dieser beiden Proteine entfällt auch das Signal, das das Wachstum der Gliedmaßen und bestimmter Organe im Körper des Kindes anregt. Je nachdem wann dieser Mechanismus beginnt, werden die Extremitäten des Kindes gar nicht oder nur unvollständig ausgebildet.
1 Ein Protein (umgangssprachlich Eiweiß) ist ein biologisches Makromolekül, das bis zu mehrere hundert Aminosäuren enthalten kann, die über Peptidbindungen miteinander verbunden sind. Cereblon enthält beispielsweise ca. 440 Aminosäuren.
2 Die p63-Proteine sind ∆Np63α und TAp63α. Der Abbau des Proteins ∆Np63α führt mit zu Schäden an den Gliedmaßen, während der Abbau des Proteins TAp63α mit für Defekte an den Ohren verantwortlich ist. (Nature Chemical BIOLOGY | VOL 15 | NOVEMBER 2019 | 1077–1084 https://www.nature.com/articles/s41589-019-0366-7 (study published in Nature Chemical Biology)).
3 Cereblon wirkt als ein Substratrezeptor innerhalb der sogenannten E3-Ubiquitin-Ligase-Familie.
4 Cereblon gehört zu der sogenannten E3-Ubiquitin-Familie. Jede E3-Ubiquitin-Ligase kann bestimmte Proteine mit Ubiquitin markieren und so der Zelle signalisieren, dass diese markierten Proteine abgebaut/vernichtet werden sollen. Dies sind zum Beispiel fehlerhafte oder gealterte Proteine. So wird etwa die Lebensdauer von Proteinen über diesen Mechanismus gesteuert.
Seit wann ist der Wirkmechanismus bekannt?
Der Wirkmechanismus von Thalidomid – und damit die Erklärung, warum die Fehlbildungen überhaupt auftreten – blieb jahrzehntelang unbekannt. Die Grundlage für die Aufklärung der Wirkung haben die Arbeitsgruppen von Takumi Ito und Hideki Ando vom Tokyo Institute of Technology sowie Yamaguchi von der Tokyo Medical University u. a. im Jahr 2010 gelegt.1 Diese Erkenntnisse sind von verschiedenen internationalen Forscherteams ergänzt worden. Bis heute ergeben sich laufend neue Erkenntnisse.2
1 Takumi Ito, Hideki Ando et al (2010): “Identification of a Primary Target of Thalidomide Teratogenicity”, in: Science (327 / 5971), S.1345-1350, abrufbar unter https://science.sciencemag.org/content/327/5971/1345
2 Tomoko Asatsuma-Okumura, Hideki AndoNature et al (2019): “p63 is a cereblon substrate involved in thalidomide teratogenicity”, in: Nature Chemical Biology (15), S. 1077–1084, abrufbar unter https://www.nature.com/articles/s41589-019-0366-7
Wird Thalidomid heute noch eingesetzt?
An Thalidomid wird bis heute weiter geforscht. Dabei fand man heraus, dass Thalidomid bei schweren Krankheiten wie Lepra, Knochenmarkkrebs und einigen Autoimmunkrankheiten positive Eigenschaften aufweist.1,2,3 Das Präparat darf nur entsprechend einem speziellen Programm verschrieben und abgegeben werden, um Fehlbildungen an ungeborenem Leben zu verhindern.4
Grünenthal stellt heute keine Thalidomid-haltigen Produkte mehr her.
1 https://www.emedicinehealth.com/drug-thalidomide/article_em.htm
2 David Millrine, Tadamitsu Kishimoto (2017): “A Brighter Side to Thalidomide: Its Potential Use in Immunological Disorders”, in: Trends in Molecular Medicine, (23 / 4), S. 348ff, abrufbar unte https://www.cell.com/trends/molecular-medicine/abstract/S1471-4914(17)30025-4
3 https://www.netdoktor.de/medikamente/thalidomid
4 https://www.ema.europa.eu/en/medicines/human/EPAR/thalidomide-bms
Produziert Grünenthal heute noch Thalidomid?
Grünenthal stellt heute keine Thalidomid-haltigen Produkte mehr her.
Thalidomid ist allerdings vergleichsweise einfach zu produzieren und unterliegt keinem Patentschutz. Zu Dritten, die Thalidomid-haltige Präparate anbieten, hat Grünenthal keine Verbindung. Wissenschaft, Industrie und Regulierungsbehörden wissen heute natürlich um die schweren Nebenwirkungen, die Thalidomid auslösen kann. Herstellung und Anwendung des Wirkstoffs unterliegen daher strengen Auflagen.
