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Blick nach vorn

„Die Geschichte des Contergan-Skandals ist eine Geschichte voller Emotionen wie Schmerz, Wut, Trauer, Enttäuschung. Wir akzeptieren diese Gefühle und nehmen sie ernst. Wir sprechen offen über bestehende Spannungen und Konflikte. Gleichzeitig blicken wir nach vorn: Wie können wir heute konkret unterstützen?“ [Susanne Schmitt-Degenhardt, Senior Manager Foundations Operations]

Die Annäherung

Nach Jahrzehnten des Schweigens begann ab 2007 eine Annäherung zwischen Grünenthal und den Betroffenen. Persönliche Gespräche führten zu Entschuldigungen: 2012 auf Seiten des Unternehmens für das lange Schweigen und 2021 von der Eigentümerfamilie gegenüber den Betroffenen. Danach gab es zunehmend Treffen und Gespräche.

Auf dieser Basis entstand 2023 das gemeinsame Dialogforum zwischen dem Bundesverband Contergangeschädigter und der Grünenthal-Stiftung. Es bietet einen festen Raum für regelmäßigen Austausch und lösungsorientierte Zusammenarbeit. Ziel ist es, gemeinsam Projekte zu entwickeln, die die Lebensqualität der Betroffenen nachhaltig verbessern. Das erste große Projekt: der „Ort des Wissens“ – eine digitale Plattform zur Bündelung von Informationen, zur Vernetzung und zur Bewahrung der Geschichte der Betroffenen.

Ein großer, wichtiger Schritt war die 2012 gegründete Grünenthal-Stiftung zur Unterstützung von Thalidomidbetroffenen. Sie unterstützt Betroffene individuell – z.B. bei barrierefreiem Wohnen, Mobilität oder Assistenz im Alltag. Bis heute hat die Stiftung ca. 1.000 Betroffenen in mehr als 5.300 Fällen in 10 Ländern geholfen (Stand Dezember 2025).

Ein vorsichtiger Beginn im persönlichen Dialog

Die Annäherung zwischen Grünenthal und den Betroffenen begann 2007 mit einem ersten Treffen zwischen dem geschäftsführenden Gesellschafter von Grünenthal und dem Bundesverband Contergangeschädigter. Es war Grünenthal wichtig, einen weiteren Beitrag zur Verbesserung der täglichen Lebenssituation von Thalidomid-betroffenen Menschen zu leisten. Aus diesem Grund hat das Unternehmen 2009 freiwillig weitere 50 Millionen Euro in die staatliche deutsche Conterganstiftung eingezahlt.

Während der Einweihung eines Contergan-Denkmals in Stolberg bei Aachen im August 2012 entschuldigte sich der damalige Grünenthal-Geschäftsführer CEO Harald Stock öffentlich für das lange Schweigen des Unternehmens: „Darüber hinaus bitten wir um Entschuldigung, dass wir 50 Jahre lang nicht den Weg zu Ihnen, von Mensch zu Mensch, gefunden haben. Stattdessen haben wir geschwiegen. Das tut mir leid."

Im November 2021 entschuldigte sich Dr. Michael Wirtz, Gesellschafter von Grünenthal, gegenüber den Betroffenen und ihren Angehörigen im Namen seiner Familie. Dies geschah im Rahmen eines persönlichen Gesprächs mit dem damaligen Vorsitzenden des Bundesverbands Contergangeschädigter Georg Löwenhauser.

Aus vielen Gesprächen wissen wir, wie wichtig diese persönliche Erklärung für die Betroffenen und ihre Familien war. Deshalb begrüßen wir diese Geste als weiteren Schritt auf dem gewählten Weg des Dialogs zwischen den Betroffenen, Grünenthal und der Eigentümerfamilie.

Die Grünenthal-Stiftung zur Unterstützung von Thalidomidbetroffenen

Durch unseren Dialog mit Betroffenen haben wir gelernt, dass die bestehenden Unterstützungen manchmal nicht ausreichen. Daher gründeten wir Anfang 2012 die „Grünenthal-Stiftung zur Unterstützung von Thalidomidbetroffenen“ (kurz: Grünenthal-Stiftung) und integrierten damit die seit 2011 bestehende Härtefall-Initiative.

Die Grünenthal-Stiftung unterstützt Contergan-geschädigte Menschen nachhaltig und schnell darin, ihre individuelle Lebenssituation zu verbessern. Sie finanziert Umbauten, die Wohnräume barrierefrei machen. Außerdem gehören Maßnahmen für ein selbständiges Autofahren und Begleitung bei außerhäuslichen Aktivitäten, wie z.B. Reisen, zu ihren Hauptunterstützungsfeldern. So ergänzt sie das internationale Unterstützungssystem.

“Wir setzen uns dafür ein, dass Contergan-betroffene Menschen ihr Leben so selbstbestimmt und erfüllt wie möglich gestalten können. Dafür arbeiten wir auf zwei Ebenen: Wir unterstützen die Betroffenen direkt im Alltag und stärken die Betroffenenverbände in ihrer Arbeit. So tragen wir dazu bei, konkrete Lebenssituationen Contergan-betroffener Menschen und die langfristigen Rahmenbedingungen für Teilhabe am täglichen Leben zu verbessern.”

 

Dialogforum: Ein Forum für gemeinsame Lösungen und Zukunftsfragen

2023 haben die Grünenthal-Stiftung und der Bundesverband Contergangeschädigter e.V. gemeinsam das sogenannte ‘Dialogforum’ ins Leben gerufen. Nach der informellen Annäherung der vergangenen Jahre auf persönlicher Ebene gibt das Dialogforum einen festen Raum für partnerschaftlichen Austausch und Zusammenarbeit. Hier arbeiten wir gemeinsam an Lösungen für ‘heute und morgen’ – mit dem Ziel, dass die Betroffenen ihre Bedürfnisse möglichst selbstbestimmt erfüllen können.

Beim zweiten Dialogforum 2024 wurde das erste große gemeinsame Projekt gestartet: der „Ort des Wissens“. Diese digitale Plattform soll Informationen bündeln, Betroffene, Fachleute und Unterstützende vernetzen sowie die Geschichte der Betroffenen bewahren.

Mehr zum „Ort des Wissens“

“Ich glaube, wir müssen den Blick jetzt nach vorne richten. Gerade der Austausch und Dialog miteinander ist sehr wichtig: Wie werden wir in Zukunft mit den großen Aufgaben, die vor uns stehen, fertig? Das Dialogforum ist somit ein Näherkommen auf einer neuen Ebene der Zusammenarbeit.”

Udo Herterich
von 2021 – 2025 Vorsitzender des Bundesverbands Contergangeschädigter und Mitinitiator des Dialogforums

Zitat aus der gemeinsamen Pressemeldung zum Dialogforum